In den vergangenen Monaten wirkt es, als habe die CDU/CSU einen neuen politischen Gegner ausgemacht: ausgerechnet die eigenen Arbeitnehmer. Statt über strukturelle Reformen, Investitionen oder nachhaltige Innovationsstrategien zu sprechen, reihen sich Forderungen aneinander, die vor allem eines signalisieren – Misstrauen gegenüber denen, die den wirtschaftlichen Wohlstand täglich erarbeiten. Da ist zunächst die immer wieder aufgewärmte Idee eines Karenztags. Konkret bedeutet das: Wer krank ist, soll den ersten Krankheitstag selbst finanzieren. Eine Maßnahme, die suggeriert, Beschäftigte meldeten sich leichtfertig krank. Dabei blendet sie aus, dass das deutsche Entgeltfortzahlungssystem seit Jahrzehnten Bestandteil eines sozialen Kompromisses ist: Krankheit ist kein moralisches Versagen, sondern ein Lebensrisiko. Wer den ersten Tag streicht, verlagert dieses Risiko einseitig auf Arbeitnehmer – unabhängig davon, ob die Erkrankung infektiös, arbeitsbedingt oder schlicht unvermeidbar ist. Markus Söder wiederum hält eine Stunde länger arbeiten „doch nicht für schlimm“. Der Zusatz „unbezahlt“ wird dabei gerne unterschlagen. Ökonomisch betrachtet ist das nichts anderes als eine Senkung des Stundenlohns durch Ausweitung der Arbeitszeit. In der Arbeitsökonomie spricht man hier von einer Verschiebung der Verteilungsrelation zwischen Kapital und Arbeit zugunsten des Kapitals. Mehr Arbeitsvolumen ohne proportionalen Lohnausgleich erhöht die Wertschöpfung pro Beschäftigten – aber nicht dessen Anteil daran. Auch Friedrich Merz fragt öffentlich, ob es sein müsse, dass Arbeitnehmer im Durchschnitt 14 Tage krank seien. Die implizite Annahme lautet: Das ist zu viel. Was nicht gefragt wird: Warum sind Menschen krank? Arbeitsverdichtung, psychische Belastung, Schichtarbeit, ständige Erreichbarkeit – all das sind Faktoren, die in arbeitsmedizinischen Studien als krankheitsfördernd gelten. Vielleicht macht Arbeit krank, wenn sie unter permanentem Effizienzdruck organisiert ist. Wer nur die Zahl der Krankheitstage problematisiert, ohne die Arbeitsbedingungen zu analysieren, betreibt Symptompolitik.
Hier lohnt ein sachlicher Einschub: Produktivität bezeichnet in der Volkswirtschaftslehre das Verhältnis von Output zu Input – etwa Produktion pro Arbeitsstunde. Steigt die Produktivität, wird mit derselben Arbeitszeit mehr Wertschöpfung erzielt. Historisch gesehen wurden in Deutschland früher 48 Stunden pro Woche gearbeitet. Produktiver war man deshalb nicht. Produktivitätszuwächse entstehen primär durch Technologiefortschritt, bessere Organisation, Qualifikation und Kapitalintensität, nicht durch schlichte Verlängerung der Arbeitszeit. Ab einem gewissen Punkt sinkt die Grenzproduktivität zusätzlicher Stunden sogar, weil Ermüdung und Fehlerquoten steigen. Als ob das nicht reichte, steht im Raum, die zahnärztliche Versorgung aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen herauszunehmen. Auch das wäre eine klare Verschiebung von solidarischer Finanzierung hin zu individueller Belastung. Wer über geringes Einkommen verfügt, würde notwendige Behandlungen womöglich aufschieben oder ganz vermeiden. Gesundheit würde damit noch stärker zur Frage des Geldbeutels – ein Paradigmenwechsel im deutschen Sozialversicherungssystem. Wenn dann Schreckensmeldungen kursieren, bei BMW oder Mercedes-Benz Group (ehemals Daimler) breche der Gewinn ein, entsteht der Eindruck existenzieller Bedrohung. Doch ein „Einbruch“ bedeutet oft lediglich: weniger Gewinn als im Rekordjahr – bei weiterhin milliardenschweren Überschüssen. In der betriebswirtschaftlichen Logik sind das normale Schwankungen in zyklischen Branchen. In der politischen Kommunikation jedoch dienen sie als Argument, um Lohnzurückhaltung oder Arbeitszeitverlängerung zu rechtfertigen. Gleichzeitig wirbt die CSU im Kommunalwahlkampf damit, fest an der Seite der Landwirte zu stehen. Das ist legitim – Interessenvertretung gehört zur Politik. Doch es wirft eine Frage auf: Warum wird diese Solidarität nicht mit gleicher Vehemenz gegenüber Arbeitnehmern artikuliert? Warum lautet die Botschaft an Beschäftigte so häufig: mehr leisten, länger arbeiten, weniger kosten? Am Ende verdichtet sich ein Eindruck: Die Union spricht gern über Leistung, aber selten über Machtverhältnisse. Sie beklagt Krankenstände, aber nicht Arbeitsverdichtung. Sie sorgt sich um Gewinneinbrüche, aber nicht um Reallohnverluste. Für viele Wähler entsteht so das Bild einer Partei, die primär die Perspektive von Unternehmen und Besserverdienenden einnimmt – oder von jenen, die sich zumindest dieser Gruppe zugehörig fühlen möchten. Ob diese Wahrnehmung politisch trägt, entscheiden die Wähler. Klar ist jedoch: Eine nachhaltige Wirtschaftspolitik muss Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und soziale Stabilität zusammendenken. Wer einseitig an der Stellschraube „Arbeitszeit“ dreht oder solidarische Sicherungssysteme aushöhlt, verkennt die ökonomischen Zusammenhänge – und riskiert gesellschaftlichen Zusammenhalt.